Mein Arbeitgeber bat mich aufgrund von Auffälligkeiten in Teilen eines Backgroundchecks um ein Statement. Ich sollte erörtern wie sich meine Werte mit der Unternehmensstrategie vereinbaren lassen. Dabei kam mir folgender Gedanke:

Ich verabscheue die durch social media propagierte hyperindividualistische Erfolgsbubble zutiefst. Gleichzeitig ist das fast schon paradox, weil mein eigenes Leben von außen betrachtet ziemlich nah an dem Lebensentwurf liegt, den viele Menschen aus genau dieser Bubble anstreben.

Ich führe im Alleingang einen kompletten Abschnitt eines stark wirtschaftlich ausgerichteten Unternehmens und nutze diese Arbeit, um mir ein Netzwerk aus Kontakten, Wissen und Erfahrungen aufzubauen. Diese Möglichkeiten nutze ich wiederum, um meine unabhängigen Tätigkeiten voranzutreiben und gleichzeitig meine Tragweite innerhalb des Unternehmens zu vergrößern.

Ich habe grundsätzlich nichts gegen wirtschaftlichen Erfolg, gegen Geld, gegen Einfluss oder dagegen, sich ein weitgreifendes Netzwerk aufzubauen. Im Gegenteil. Ich finde es unglaublich spannend, Strukturen zu verstehen, Verantwortung zu übernehmen und Gestaltungsspielraum zu gewinnen. Ich habe auch kein Problem damit, Möglichkeiten zu meinem eigenen Vorteil zu nutzen.

Mein Ansporn ist es aber nicht, möglichst viel Einfluss und Kapital auf mich selbst zu konzentrieren. Ich möchte meinen eigenen Handlungsspielraum vergrößern, ohne dafür den Handlungsspielraum anderer verkleinern zu müssen.

Ich bin überzeugt, dass mein Vorgehen gerade deshalb so gut funktioniert. Ich versuche nicht, Menschen in meinem Umfeld als Konkurrenz zu betrachten. Wenn ich die Möglichkeit habe, jemanden erfolgreicher zu machen, Wissen weiterzugeben, Kontakte herzustellen oder einer guten Idee Raum zu geben, dann sehe ich darin keinen Verlust für mich.

Im Gegenteil. Wenn die Menschen um mich herum erfolgreicher, kompetenter und zufriedener werden, entsteht daraus ein Umfeld, in dem auch ich mehr erreichen kann.

Natürlich ist das nicht vollkommen selbstlos. Das möchte ich auch gar nicht behaupten. Ein gutes Netzwerk hilft mir. Menschen, denen ich geholfen habe, helfen mir häufig ebenfalls, ohne das es sich transaktionell anfühlt. Ein erfolgreiches Team verschafft mir mehr Möglichkeiten als ein erfolgloses. Wenn ich Menschen fördere und ihnen Verantwortung übertrage, erweitert das letztlich auch meinen eigenen Handlungsspielraum.

Genau darin sehe ich aber keinen Widerspruch!

Ich muss nicht verlieren, damit jemand anderes gewinnen kann. Und jemand anderes muss nicht verlieren, damit ich gewinnen kann.

Genau deshalb stößt mir der Ansatz, den große Teile dieser bubble vertreten, so extrem übel auf. Nicht weil dort wirtschaftlich gedacht wird, sondern weil wirtschaftliches Denken dort häufig auf eine permanente Konkurrenz zwischen Menschen reduziert wird.

Kontakte werden zu Assets. Mitarbeiter werden zu Kostenstellen. Kunden werden zu Möglichkeiten, möglichst viel Geld abzuschöpfen. Wissen wird zum Wettbewerbsvorteil, den man möglichst für sich behalten sollte. Jede Beziehung wird danach bewertet, welchen persönlichen Nutzen sie einem bringt.

Am Ende wird Erfolg nicht mehr daran gemessen, was man aufgebaut hat, sondern daran, wie viel davon einem selbst gehört.

Besonders problematisch finde ich, dass die Menschen, die von dieser Denkweise beeinflusst werden, häufig nicht einmal besonders erfolgreich sind. Viele wirken auf mich vor allem frustriert. Sie suchen die Ursache für ihre Probleme bei ihren Kunden, ihren Kollegen, ihren Angestellten oder allgemein bei anderen Menschen.

Wenn Mitarbeiter unzufrieden sind, sind die Mitarbeiter undankbar. Wenn Kunden nicht kaufen, verstehen die Kunden das Produkt nicht. Wenn ein Geschäft nicht funktioniert, sind äußere Umstände schuld. Und die vermeintliche Lösung besteht fast immer darin, noch härter zu werden, noch egoistischer zu handeln und noch stärker auf den eigenen Vorteil zu achten.

Damit entsteht irgendwann eine selbsterfüllende Prophezeiung.

Wer seine Mitarbeiter grundsätzlich für faul und austauschbar hält, wird sie entsprechend behandeln. Gute Mitarbeiter werden irgendwann gehen. Zurück bleibt die Erkenntnis, dass man Mitarbeitern tatsächlich nicht vertrauen könne.

Wer jede Geschäftsbeziehung ausschließlich danach betrachtet, wie viel er aus seinem Gegenüber herausholen kann, wird irgendwann hauptsächlich mit Menschen zu tun haben, die ihm mit genau derselben Haltung begegnen.

Wer überall Konkurrenz erwartet, schafft sich irgendwann ein Umfeld voller Konkurrenten.

Ich behaupte dabei ausdrücklich nicht, dass ich etwas besser wüsste als Menschen, die mit einem vollkommen anderen Vorgehen sehr erfolgreich geworden sind. Es gibt offensichtlich Menschen, die mit einer wesentlich egoistischeren Haltung sehr viel Geld und Einfluss aufgebaut haben. Sicherlich werden viele von ihnen damit wirtschaftlich sogar erfolgreicher sein, als ich es jemals sein könnte.

Aber irgendwann stellt sich mir die Frage, was dieser Erfolg eigentlich wert sein soll.

Ich möchte nicht irgendwann feststellen müssen, dass ich zwar sehr viel Einfluss aufgebaut habe, aber in einem Umfeld lebe, in dem jeder ausschließlich versucht, seinen eigenen Vorteil zu maximieren.

Ich möchte lieber von Menschen umgeben sein, die selbst erfolgreich sind. Von Menschen, denen ich vertraue, die mir vertrauen, die eigene Ideen entwickeln und die nicht permanent Angst haben müssen, dass ihr Erfolg meinen bedroht.

Vielleicht ist genau das der grundlegende Unterschied.

Ich möchte nicht möglichst viel von einem bestehenden Kuchen für mich beanspruchen. Ich möchte dazu beitragen, dass der Kuchen größer wird und möglichst viele Menschen um mich herum ein Interesse daran haben, gemeinsam daran weiterzuarbeiten.

Das ist kein revolutionärer Gedanke. Es ist auch keine besonders komplizierte Wirtschaftstheorie.

Aber ich glaube, die Welt wäre ein großes bisschen besser, wenn wir häufiger versuchen würden, gemeinsam erfolgreich zu sein, anstatt aus Angst heraus jede Gelegenheit danach zu beurteilen, wie viel persönliches Kapital wir aus ihr herausschlagen können.